Wartende Hunde – Ein Buch über die Treue (Barbara Wrede)

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Barbara Wrede: Wartende Hunde (Bildband, Cover)

 

Der bekannteste wartende Hund ist wohl Hachiko, der Akita, der zehn Jahre lang zum Bahnhof lief, um auf sein verstorbenes Herrchen zu warten. Ihm ist dieser Bildband gewidmet – spielt jedoch nicht in Japan, sondern vorwiegend in Berlin. Aus über tausend Fotografien, entstanden über mehrere Jahre, hat Barbara Wrede nun 199 ausgewählt. Sie alle zeigen Hunde – wartende Hunde.

+ Spontane Fotos
+ Große Ausdrucksbreite
0 Leicht düster/depressivISBN: 978-3-9815321-2-8
Fred & Otto
Preis: 22,90 Euro
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Worauf warten Hunde?

Es ist kaum überraschend: Unsere Hunde von heute warten oft. Worauf warten sie? Darauf gibt Barbara Wrede keine Antwort, denn ihre Bilder kommen puristisch daher, verzichten auf Text. Die Bilder sollen für sich sprechen. Dafür nehmen sie großzügig auch mal eine Doppelseite ein.

Die Bilder sind nicht in lang geplanten Sessions entstanden, sondern spontan – oft auf dem Weg zur Arbeit. Dabei galt die Regel: ein wartender Hund und ein Moment – ein Foto, nicht mehr. Die Situationen der Hunde sind dementsprechend vielfältig:

Mit traurig auf dem Boden liegendem Kopf wartet ein Hund vor dem Supermarkt.

  • Ein anderer liegt zusammengerollt im Treppenhaus.
  • Der nächste hat es sich scheinbar auf dem Gehweg gemütlich gemacht und massiert seinen Rücken an der Laterne.
  • Wer kommt da wohl – oh, du willst mich fotografieren? Dieser Hund schaut schräg aus einem Hauseingang auf die Fotografin.
  • Ein Hund scheint die Schuh-Auslage zu analysieren – welche Galosche lässt sich wohl am besten durchkauen?
  • Der Blick nach vorn im Fahrradkorb: Wann geht es denn weiter? Warum stehen wir?
  • Vor der Tür des Partyservices: Kommst du bald wieder raus? Oder darf ich rein?
  • Am Imbiss – mit dezentem aber eindeutigen Blick auf die Würstchen.
  • Oder mit festem Blick auf das Schaufenster – interessiert hier die Auslage oder Frauchen im Laden?
  • Ein anderer Hund macht es sich hingegen im Schaufenster gemütlich und beobachtet die Passanten.
  • Mancher Vierbeiner sitzt im parkenden Auto, bei offenem Fenster, Schnauze in den Wind.
  • Ein anderer Hund liegt gemütlich am Haus, im stummen Zwiegespräch mit dem Hunde-Kumpel.
  • Ein Kneipenhund begrüßt die Gäste gleich in der Tür. Wer wohl heute kommt?
  • Zwei Vierbeiner warten vor der Edvard-Grieg-Forschungsstelle für Exil- und Nachkriegsliteratur. Ist das Warten nicht so etwas wie ein Exil für Hunde?

 

Denkanregungen

All dies sagen diese Bilder nicht. All dies sind Interpretationen – und manches Bild kann man auch ganz anders „lesen“. Manche der Hunde wirken ruhig und in sich gekehrt. Einige scheinen sich mit ihrem Los arrangiert zu haben, wirken auch nicht unglücklich – während andere das ganze Leid der Welt auf ihrem Rücken zu tragen scheinen: Herrchen ist ja bestimmt schon eine ganze Minute weg!

Für diese Fotos muss man sich Zeit nehmen. Wartende Hunde kann kaum wirken, wenn man es schnell durchblättert. Dann nimmt man nur das Alltägliche wahr. Mit etwas Zeit für die Bilder kann man ins Grübeln kommen: Ist das eigentlich fair, dass Hunde so oft warten? Welche Geschichte steckt dahinter?

Einige der Bilder sind leicht deprimierend; andere hingegen zeugen davon, dass diese Hunde ihren Platz in der Menschen-Stadt gefunden haben und zufrieden sind. Warten muss ja nicht unbedingt schlecht sein: Vielleicht erkennen es viel zu wenig Menschen als eine Pause, die auch der Erholung dient.

Hundeleinen, Krieg und Paradiesnachrichten

Für weiteren Denkstoff sorgen auch die Texte von Katharina Rutschyk. Essayistisch greift sie hier typische Bilder vom modernen Hund auf: Leinenpflicht oder nicht? Wer spricht überhaupt von der Leinenpflicht? Und wer bringt andauernd dieses Unwort Kampfhund ins Spiel? Herrscht nicht sogar ein ständiger „Krieg“ zwischen Hund und Halter? Er oder sie möchte den Hund beschützen in einer feindlichen, menschlichen Großstadt. Meist kann Mensch das auch. Aber manchmal ist Hund einfach anderer Meinung. Manchmal gibt es einen Kampf mit Verletzungen, aber alles wird gut – hier wollte doch keiner böse sein!

Erstaunlich auch, wie häufig Tiere in der Zeitung, in den Nachrichten zu finden sind. Kathrin Rutschyk spricht hier von Paradiesnachrichten, gemäß dem Bestreben die Zustände jenes Garten Eden wieder herzustellen: Ein harmonisches Gemeinsam von Mensch und Tier – mitsamt allen Rechten, die Tiere heute nicht haben. Gibt es vielleicht eine geheime Religion der Tierliebhaber, Fragmente eines alten Tierkults?

Zu den Bildern haben diese Essays jedoch keinen Bezug – einmal abgesehen davon, dass sie Hunde zum Thema haben. Dies kann man kritisieren: Es ist schön, wenn Bilder für sich sprechen sollen, wenn man eigene Fantasien zu ihnen entwickeln kann. Manchmal reizt es jedoch, die Geschichte hinter einem Bild zu erfahren, wie bei den drei Kneipenhunden in der Berliner Flughafenstraße, die viel später in einer anderen Wirtschaft wieder auftauchten. Allerdings gilt auch: Jede Geschichte zu kennen, würde die eigenen Gedanken beschränken.

Drei Meinungen

Das meint Birthe

BirtheMich persönlich macht es immer traurig, wenn ich Hunde angebunden vor Supermärkten sehe. Gerade da man es ja immer wieder hört, dass Hunde vor diesen Supermärkten geklaut werden. Die Vorstellung, dass mein Vierbeiner von fremden Menschen gestohlen wird, lässt es mir kalt den Rücken runter laufen. Vielleicht hatte ich auch deshalb beim Durchblättern des Buches so ein bedrückendes Gefühl.

Die Aufnahmen sprechen jedes Mal für sich und geben immer eine besondere Stimmung wieder. Ob der Hund nun angebunden auf sein Herrchen oder Frauchen wartet, ohne Halsband auf dem Bürgersteig liegt oder auf seinem Lieblingsplatz am heimischen Wohnzimmerfenster „wartet“. Jedes Bild hat seine eigene kleine Geschichte und man grübelt, welche diese wohl ist.

 

Das meint Franziska

FranziskaIch finde das Buch insgesamt eher deprimierend und hatte sogar Bedenken, ob ich da wirklich hineinschauen soll. Denn wartende Hunde sehen nunmal meist recht bemitleidenswert und traurig aus. Meist wissen sie ja auch nicht, weswegen und wie lange sie warten müssen und warten deswegen sicherlich nicht gerne. Die Fotos wecken also vor allem Mitleid in mir. Andererseits spiegeln die abgelichteten Situationen aber auch sehr deutlich die Beziehung zwischen Mensch und Hund wieder: Hunde sind treue Gefährten und binden sich eng an ihren Besitzer. Deswegen ist ihre Welt auch nicht ganz in Ordnung, wenn dieser Mensch nicht da ist oder sie irgendwo hin nicht mitkommen können. Die Bilder zeigen also auch die Angewiesenheit der Hunde auf ihre Menschen. Und das macht mich schon wieder traurig, da es mich daran erinnert, dass Hunde deswegen auch oft Leid ertragen.

Die Bilder des Buches sind zwar „ganz normal“, also keine Schreckensszenarien oder an sich traurig, aber sie vermitteln ein trauriges Gefühl. Deswegen würde ich mir dieses Buch niemals selbst kaufen, weil ich am liebsten jeden einzelnen Hund trösten möchte, auch wenn ich vielleicht mehr Traurigkeit hinein interpretiere als angebracht ist.

Was mir jedoch an diesem Buch gut gefällt: Da es Alltagsaufnahmen sind, werden die verschiedensten Hunde abgelichtet und das Ergebnis ist ein Buch voller verschiedener Hunde, toller Mischlinge und ganz unterschiedlicher Typen. Und jeder Hund ist auf seine Weise schön und liebenswert – dieses Gefühl hat das Buch auch in mir geweckt.

 

Das meint Nico

NicoBeim ersten, schnellen Durchblättern wusste ich nichts so recht mit den Bildern anzufangen. Ja, da waren nette dabei; manche (viele) fand ich uninteressant. Auch jetzt gibt es einige Bilder, die mich einfach nicht packen. Viele wirken düster, traurig: Angeleint zu warten hat eben etwas Depressives – zumindest auf den ersten Blick.

Aber als ich mir noch einmal die Zeit nahm, einige Bilder länger anzusehen, schweiften meine Gedanken: Warum warten diese Hunde? Was geht in ihnen vor, was in ihren Haltern? Fühlen sie sich zurückgestellt, schätzen sie die Pause von Frauchen oder sind sie gespannt, was als nächstes Tolles passiert? Interpretieren wir ihren Blick richtig? Denn nicht alle Hunde wirkten leidend. Manche schienen die Eindrücke sogar zu genießen.

Viele mögliche Geschichten schwirrten in meinem Kopf. Dennoch hätte ich mir mehr Text gewünscht – nicht zu allen Bildern, aber bei einigen. Im Herzen bin ich ein Wort-Mensch, kein Bild-Mensch.

 

Fazit

Ein ungewöhnliches Buch ist es allemal, aber auch kein gefälliges. Einen unterhaltsamen, schönen Bildband kann man mit diesem Buch nicht vergleichen. Die Bilder stammen mitten aus den Großstadtalltag – und dieser kann auf den ersten Blick trostlos und leer erscheinen, aber auch viel Spannendes und Verborgenes offenbaren.

Dieses Buch ist wohl eher für den zweiten Blick gemacht und kann zum Nachdenken, Vorstellen und Assoziieren anregen. Was es aber auf jeden Fall zeigt: Hunde sind vielfältig und gehören zum Stadtbild sowie zum Leben der Menschen hinzu. Dass wir trotz der engen Bindung manchmal gar nicht so genau wissen, was in ihnen vorgeht und dass wir auch nicht richtig mit ihnen sprechen können, ist eine der vielleicht etwas traurigmachenden Erkenntnisse, die in diesem Buch für den ein oder anderen sicher etwas schmerzlich präsent ist.

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Website von Barbara Wrede

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